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Seminar/Projekt #532 Interactive Processing 2009 Einleitung

Arbeit, Beschaeftigung, Produktion sind Ueberbegriffe fuer ein Geflecht unterschiedlicher, zueinander in spezifischer Beziehung stehender Einzeltaetigkeiten. Denken wir an einen Landwirt oder einen Chemiker. Diese Einzeltaetigkeiten und deren Interrelation koennen selten vollstaendig beschrieben oder systematisiert werden, selbst von den jeweiligen Experten. Daher gehoert zu einer theoretischen Ausbildung immer auch die Praxis, in der systematisches Wissen durch die Erfahrung der konkreten Umsetzung, oder durch notwendige Ausnahmen ergaenzt wird und in der man fuer den speziellen Bereich ein Verstaendnis der Zusammenhaenge und nicht zuletzt Intuition erwirbt (die als unsystematisches Verstaendnis gilt).
Die Systematisierung ist jedoch ebenso sinnvoll, da sie Ueberblick, Orientierung und Zugang verschafft, es erlaubt Teilbereiche isoliert zu betrachten, zu vergleichen, Beziehungen herzustellen und es vor allem ermoeglicht, abstrakt ueber Taetigkeiten und deren Interrelation zu sprechen, zu planen, zu strukturieren und Zusammenarbeit zu organisieren. Allerdings beschaeftigt sich Systematik vorzugsweise mit dem was systematisierbar ist.

Das entspricht in etwa der Situation bei Computerprogrammen, dass das Systematisierbare eines Arbeitskontesxts systematisiert wird, waehrend fuer das Unsystematisierbare der User selbst zustaendig ist.

Typische Computerprogramme zielen darauf ab in Teilbereichen ein moeglichst konsistentes Set an waehlbaren Funktionen anzubieten, gegliedert in verschiedenen Bereichen und auf verschiedenen Arbeitsebenen. Eine Textverarbeitungs-Software systematisiert ihr funktionales Angebot etwa mittels Funktionen, die das unmitttelbare Schreiben einzelner Zeichen und andererseits solcher, die das ganze Dokument betreffen. Konsistenz bezieht sich auf eine Logik , dass z.B. die Moeglichkeit ein Zeichen zu setzen eine zweite Funktion erfordert, es auch wieder zu loeschen. Die Nutzer-Schnittstelle (HCI) ist in gewisser Weise die Implementation einer solchen konsistenten Systematik in einer fuer den Nutzer verstaendlichen, erlernbaren und brauchbaren Form. Er bekommt es also nicht mit den maschinen-sprachlichen Details zu tun, sondern waehlt "Datei speichern" aus dem Programm-Menu und nimmt den dafuer vorgesehenen Determinismus in Kauf. Die Systematik hat den Vorteil, dass das Programm eine gewisse Allgemeingueltigkeit besitzt, also von verschiedenen Nutzern fuer verschiedene Aufgaben verwendet werden kann. Im gleichen Masse reduziert dies allerdings das Funktionsspektrum auf "naheliegende" Funktionen.

Zu dieser Allgemeingueltigkeit, bzw. Einschraenkung aufs Naheliegende gehoert, dass ein Programm/Dienst so angelegt ist, dass es auch ohne "Wissen" ueber den aktuellen Arbeitsvorgang, die vorliegenden Daten, sowie den Nutzer funktioniert. Typischerweise bekommt jede Funktion genau die Parameter, die sie fuer den naechsten Schritt benoetigt, zugeteilt und die Werte werden danach ueberschrieben (sofern kein undo/history/logging implementiert ist). In Hinblick darauf koennen wir den Typ dieser Programme als mehr oder minder statische Werkzeuge charakterisieren, die im Prinzip (und beabsichtigterweise) bei jedem Aufruf einen determinierten Prozess startet, auch wenn sie in den Preferences einige Einstellungen speichern, eine Liste der bereits geoeffneten Dokumente vorhalten, etc. (Ausnahmen sind z.b. manche Computerspiele, die es darauf anlegen, sich nicht nur hinsichtlich der Einstellungen und des Inhalts, sondern auch hinsichtlich des Programmverhaltens im Laufe der Nutzung auf den Nutzer zu adaptieren).

Der Typ des statischen Werkzeugs ist zweifellos vom Nutzer gewuenscht, ist kompatibel zu vielen etablierten Arbeitsablaeufen und Arbeitsorganisationen, bzw praegt ihrerseits Arbeitsablaeufe und-organisation. Vor allem auch immunisiert sich dieser Typ von Programmen/Diensten mittels ihre "Statik" vor zu weitgehenden Anspruechen: ein Hammer ist eben keine Zange. Wir koennen darueber spekulieren was ansonsten dahintersteckt: Vom Standpunkt der Hersteller unterstuetzt der statischer Charakter das Wiedererkennen der Software (Branding). Software die sich zusehr adaptiert verliert ihre Identitaet. Ausserdem ist Adaptionsfaehigkeit wesentlich schwieriger zu konzipieren, implementieren und fehlerlos zu halten, als klar definierbare Werkzeuge. Von Seiten des Normal-Nutzers wird dynamisches Programm-Verhalten eher dort gewuenscht, wo es komplizierte Einstellungen erspart (plug&play); wenn es um sein direktes Interaktions-Umfeld geht ist ihm offenbar Hammer und Zange lieber.

HCI und IxD beschaeftigen sich mit der Implementation einer Nutzerfreundlichkeit auf der Basis von Richtlinien und entsprechenden Tests und versuchen eine positive User-Experience zu etablieren. In der HCI- und IxD-Terminologie wird das Nutzen der vorgesehenen Funktionen als Interaktion bezeichnet. Angewendet bezieht und beschraenkt sich Interaktion auf das Funktionssystem eines Programms. Signifikante Teile des Nutzer-Verhaltens bleiben (bewusst) ausserhalb des Programmbereichs, selbst wenn sie fuer die Wahl der Vorgangsweise, das Ziel der Verarbeitung relevant sind. Denn wir eine Textverarbeitung verwenden tun wir mehr als nur Tasten zu druecken und mit der Maus Menus zu oeffnen: das Tippen steht im Kontext eines Projekts, einer Intention, hat einen Anlass und Betreff , referenziert anderes, hat eine Zielsetzung, inkludiert paralleler Vorgaenge, etc.



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